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Ist-Versteuerung fuer Freiberufler: Warum jeder Selbstaendige davon profitiert

Kathrin FischerKathrin Fischer
2026-02-1013 min Lesezeit

Freiberufler in Deutschland haben ein permanentes Recht auf Ist-Versteuerung ohne Umsatzobergrenze. Erfahren Sie, wie Sie diese nutzen und warum sie Ihren Cashflow deutlich verbessert.

Ist-Versteuerung fuer Freiberufler in Deutschland

Einer der am staerksten uebersehenen Steuervorteile fuer deutsche Freiberufler ist ihr permanentes Recht auf Ist-Versteuerung. Im Gegensatz zu anderen Unternehmen, die strenge Umsatzgrenzen erfuellen muessen, koennen Freiberufler und unabhaengige Fachleute diese Methode praktisch ohne Einschraenkungen waehlen. Dieser Artikel erklaert, warum dies wichtig ist, wie Sie Antrag stellen und wie es mit Ihren anderen Steuerpflichten interagiert.

Teil 1: Wer gilt als Freiberufler nach deutschem Steuerrecht

Freiberufler nach §18 des Einkommensteuergesetzes

Das deutsche Steuerrecht definiert Freiberufler nach §18 des Einkommensteuergesetzes (EStG). Die haeufigsten freiberuflichen Taettigkeiten sind:

  • Aerzte, Zahnaerzte und andere medizinische Fachleute
  • Rechtsanwaelte und Rechtsberater
  • Ingenieure und Architekten
  • Management- und Unternehmensberater
  • Designer und Grafiker
  • Schriftsteller und Journalisten
  • Musiker und Buehnenkunstler
  • Softwareentwickler und IT-Berater
  • Steuerberater und Wirtschaftspruefer

Diese Berufe sind von der Verpflichtung zur Gewerbeanmeldung befreit und unterliegen stattdessen dem guestigeren Freiberufler-Steuersystem.

Teil 2: Das permanente Recht auf Ist-Versteuerung

§20 Abs. 1 Nr. 3 UStG

§20 Abs. 1 Nr. 3 des Umsatzsteuergesetzes (UStG) gewaehrt Freiberuflern ein permanentes Recht auf Ist-Versteuerung. Im Gegensatz zu den allgemeinen Schwellenwertregeln, die auf andere Unternehmen zutreffen, koennen Freiberufler diese Methode unabhaengig von ihrem Jahresumsatz nutzen. Ob Sie 30.000 Euro oder 3.000.000 Euro pro Jahr verdienen, Sie haben das Recht, Ist-Versteuerung zu waehlen.

Dies ist ein entscheidender Vorteil. Fuer Freiberufler, deren Kunden oft 30, 60 oder sogar 90 Tage nach Rechnungsstellung bezahlen, bedeutet Ist-Versteuerung, dass Sie Umsatzsteuer erst zahlen, wenn Sie das Geld tatsaechlich erhalten. Vergleichen Sie dies mit Soll-Versteuerung, bei der Sie Umsatzsteuer zahlen muessen, auch wenn Ihre Rechnung unbezahlt bleibt.

Teil 3: Warum Freiberufler Ist-Versteuerung nutzen sollten

Der Cashflow-Vorteil

Der Hauptvorteil der Ist-Versteuerung fuer Freiberufler ist eine verbesserte Liquiditaet. Betrachten Sie dieses haeufige Szenario: Sie stellen einem Unternehmenskunden eine Rechnung ueber 10.000 Euro (einschliesslich 19% Umsatzsteuer) im Januar aus. Bei Soll-Versteuerung muessen Sie die 1.900 Euro Umsatzsteuer im Februar dem Finanzamt melden und bezahlen, obwohl der Kunde moeglichweise erst im Maerz oder April bezahlt. Ihre Liquiditaet ist angespannt, da die Umsatzsteuer Ihr Konto verlaesst, bevor die Rechnungszahlung ankommt.

Bei Ist-Versteuerung melden Sie die Rechnung nur wenn Zahlung eingegangen ist. Wenn die Zahlung im April eintrifft, wird die Umsatzsteuer in Ihrer April-Voranmeldung gemeldet. Dies synchronisiert den Geldfluss aus Ihrem Konto mit dem Geldfluss von Ihren Kunden.

Schutz vor Forderungsausfaellen

Ein weiterer erheblicher Vorteil ist der Schutz vor Forderungsausfaellen. Wenn ein Kunde Ihre 10.000-Euro-Rechnung niemals bezahlt, muessen Sie bei Soll-Versteuerung dennoch eine Umsatzsteuer-Korrektur nach §17 UStG anfordern. Dieser Prozess erfordert den Nachweis, dass die Forderung uneinbringlich ist, was Monate oder Jahre dauern kann. Bei Ist-Versteuerung wurde niemals Umsatzsteuer gezahlt, da Zahlung niemals eingegangen ist. Kein Korrekturverfahren ist erforderlich.

Einfachere Buchhaltung

Freiberufler nutzen typischerweise die vereinfachte Einkuenfteuebererschussrechnung (EÜR) statt doppelter Buchhaltung. Sowohl EÜR als auch Ist-Versteuerung funktionieren nach dem gleichen Kassenprrinzip: Einkuenftte wenn erhalten, Ausgaben wenn gezahlt. Diese Uebereinstimmung macht die Buchhaltung unkompliziert und reduziert Fehlerrisiken.

Teil 4: Wie Sie Ist-Versteuerung beantragen

Antrag bei Geschaeftsergruendung

Wenn Sie ein neues Freiberufler-Geschaeft anmelden, koennen Sie Ihre Absicht zur Nutzung von Ist-Versteuerung erklaeren, wenn Sie sich beim Finanzamt registrieren. Dies ist der einfachste Ansatz und erfordert kein zusaetzliches Schriftwechsel ueber Ihre Standard-Umsatzsteuer-Anmeldung hinaus.

Antrag nach Geschaeftsbeginn

Wenn Sie bereits unter Soll-Versteuerung taetig sind, koennen Sie durch Einreichung eines schriftlichen Antrags beim Finanzamt zu Ist-Versteuerung wechseln. Der Antrag sollte deutlich Ihre Absicht erklaeren, Ist-Versteuerung ab einem bestimmten Datum zu nutzen (typischerweise der erste Tag eines Monats oder Kalenderjahres).

Im Gegensatz zu den allgemeinen Umsatzschwellenwertregeln gibt es keine Wartezeit oder Qualifikationsprozess. Ihr Antrag sollte innerhalb von 2-4 Wochen genehmigt werden.

Teil 5: Interaktion mit EÜR (vereinfachte Einnahmen-Buchhaltung)

Die perfekte Uebereinstimmung: Ist-Versteuerung + EÜR

Viele Freiberufler reichen ihre jaehrlichen Einkommensteuer-Erklarungen unter Verwendung des EÜR-Formulars ein, das Einkuenffte und Ausgaben nach dem Kassenprinzip erfasst. Wenn Sie auch Ist-Versteuerung nutzen, wird Ihr Buchaltungssystem intern konsistent. Jede Transaktion, die fuer Umsatzsteuer erfasst wird, nutzt das gleiche Prinzip wie Ihre jaehrliche Einkommensteuer-Erklarung.

Diese Konsistenz reduziert die Zeit und Kosten fuer die Vorbereitung Ihrer Steuererklarungen drastisch. Ihr Buchhalter muss nicht separate Soll-Versteuerung-Unterlagen fuehren, waehrend er gleichzeitig Ist-Eintraege fuer die Einkommensteuer nachverfolgt.

Teil 6: Freiberufler, die auch Gewerbetreibende sind

Gemischte Geschaetsaktivitaeten

Einige Freiberufler betreiben mehrere Geschaeftszweige. Zum Beispiel koennte ein Berater traditionelle Beratungsdienstleistungen (die unter die Freiberufler-Definition fallen) anbieten, aber auch physische Produkte verkaufen oder Warendienstleistungen erbringen (die kommerziellen Handel ausmachen). In solchen Situationen, welche Regeln gelten?

Das deutsche Steuerrecht behandelt jede Geschaetsaktivitaet separat. Ihre Beratungstaetigkeit bleibt ein Freiberufler-Geschaeft und qualifiziert sich fuer Ist-Versteuerung nach §20 UStG. Ihre Produktverkaufe wuerden als Handelsaktivitaet klassifiziert. Die beiden Aktivitaeten sollten separat in Ihrer Buchhaltung und Steuererklarungen gefuehrt werden.

Teil 7: Kleinunternehmerregelung vs. Ist-Versteuerung

Zwei verschiedene Regelungen, oft verwechselt

Viele Freiberufler glauben faelschlicherweise, dass die Kleinunternehmerregelung nach §19 UStG mit Ist-Versteuerung verwandt ist. Dies sind zwei vollstaendig unterschiedliche Regelungen.

Die Kleinunternehmerregelung befreit Sie von der Erhebung von Umsatzsteuer insgesamt, wenn Ihr Jahresumsatz 22.500 Euro nicht ueberschreitet (oder 45.000 Euro im ersten Kalenderjahr). Sie erheben keine Umsatzsteuer von Kunden und reichen keine Umsatzsteuer-Voranmeldungen ein. Die Kleinunternehmerregelung ist eine "Alles oder Nichts"-Wahl.

Ist-Versteuerung nach §20 UStG ist verschieden. Sie erheben weiterhin Umsatzsteuer von Kunden und reichen Umsatzsteuer-Voranmeldungen ein. Der Unterschied liegt im Zeitpunkt der Meldung und Zahlung der Umsatzsteuer – wenn Sie fakturieren (Soll) oder wenn Sie Zahlung erhalten (Ist).

Was ist besser: Kleinunternehmerregelung oder Ist-Versteuerung?

Fuer die meisten Freiberufler ist Ist-Versteuerung der Kleinunternehmerregelung ueberlegen. Hier ist der Grund: Wenn Sie die Kleinunternehmerregelung nutzen, erheben Sie keine Umsatzsteuer von Kunden. Dies klingt attraktiv, aber viele Unternehmenskunden koennen umsatzsteuerhaltige Kosten auf ihrer Seite nicht abziehen. Sie bevorzugen Geschaeftsbeziehungen mit umsatzsteuer-registrierten Lieferanten. Darueber hinaus, wenn Ihr Umsatz 22.500 Euro ueberschreitet, muessen Sie die Befreiung aufgeben und beginnen, Umsatzsteuer fuer alle zukuenftigen Kunden zu erheben – moeglicherweise Ihre Geschaeftsbeziehungen stoerend. Ist-Versteuerung ermoeglicht Ihnen Wachstum ohne solche Unterbrechungen.

Teil 8: Praktische Beispiele

Beispiel 1: IT-Berater mit erweiterten Zahlungsbedingungen

Julia ist eine IT-Beraterin, die Grosskonzerne fuer Software-Architektur-Dienstleistungen fakturiert. Ihre typische Rechnung betraegt 12.000 Euro plus 19% Umsatzsteuer (14.280 Euro gesamt). Kunden zahlen typischerweise 45 Tage nach Rechnungsstellung. Bei Soll-Versteuerung muss Julia die 2.280 Euro Umsatzsteuer innerhalb weniger Wochen nach Rechnungsstellung dem Finanzamt melden, was ihr Betriebskonto ershoepft. Bei Ist-Versteuerung meldet sie die Umsatzsteuer erst, wenn die 14.280 Euro Zahlung 45 Tage spaeter ankommt. Diese 45-Tage-Verbesserung der Liquiditaet kann erheblich sein, wenn Sie mehrere Rechnungen jonglieren.

Beispiel 2: Designer mit verzoegerten Zahlungen

Marcus ist ein freiberuflicher Grafiker. Ein Kunde akzeptiert seine Designarbeit, verzoegert aber die Zahlung um vier Monate. Bei Soll-Versteuerung zahlte Marcus Umsatzsteuer an die Regierung vor drei Monaten, hat aber immer noch keine Kundenzahlung erhalten. Bei Ist-Versteuerung zahlte Marcus niemals Umsatzsteuer, da das Geld niemals ankam. Wenn der Kunde schliesslich bezahlt (oder wenn Marcus zu dem Schluss kommt, dass die Forderung uneinbringlich ist), kann er entsprechend anpassen. Ist-Versteuerung bietet einen natuerlichen Puffer gegen Zahlungsprobleme.

Beispiel 3: Arzt mit mehreren Umsatzquellen

Dr. Weber betreibt eine Zahnarztpraxis. Zahlungen von Krankenversicherungen kommen verzoegert an (manchmal 60-90 Tage nach Leistungserbringung), aber schnell von Patienten, die direkt aus der Tasche zahlen. Ist-Versteuerung stellt sicher, dass die Umsatzsteuer-Verpflichtung nur ausgeloest wird, wenn Einnahmen tatsaechlich fliessen, unabhaengig vom Zahler.

Wichtigste Erkenntnisse

  • Freiberufler haben ein permanentes, uneingeschraenktes Recht auf Ist-Versteuerung nach §20 Abs. 1 Nr. 3 UStG
  • Dieses Recht gilt unabhaengig vom Umsatzniveau – keine Schwellenwerteinschraenkungen
  • Ist-Versteuerung verbessert die Liquiditaet durch Verzoegerung der Umsatzsteuer-Zahlung bis zur Geldempfang
  • Sie bietet natuerlichen Schutz vor Forderungsausfaellen
  • Sie passt perfekt zu EÜR (vereinfachte Einnahmen-Buchhaltung), die viele Freiberufler fuer die jaehrliche Steuererklarung nutzen
  • Die Antragstellung ist unkompliziert und wird typischerweise innerhalb von 2-4 Wochen genehmigt
  • Ist-Versteuerung und Kleinunternehmerregelung sind verschiedene Regelungen – verstehen Sie beide, bevor Sie sich entscheiden
  • Freiberufler mit gemischten Geschaetsaktivitaeten sollten ihre Unterlagen trennen

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